Ich war heute beim Arbeitsamt. Sowieso keine besonders angenehme Aufgabe, aber
dieser “Besuch” Heute hatte es dann in sich. Ich betrat also das Haus, in dem sich die ARGE, oder wie es sich heute so schön nennt, “team.arbeit“, kämpfte mich durch Horden Arbeitssuchender, die vor dem Empfang herumlungerten, fuhr mit dem
Fahrstuhl, der eher an einen jener berüchtigten Fahrstühle aus einem seid 50
Jahren nicht mehr renovierten SAGA-Haus zu stammen schien und nicht aus einem
Neubau, in den 4 Stock. Dort öffnete ich dann eine Tresor-ähnliche Eingangstür
und befand mich nun auf einem gelbgestrichenen, kahlen Flur wieder. Mit einem
leichten grummeln im Magen klopfte ich dann an das Zimmer Nr. 101 (Sorry,
falscher Film – nicht das Zimmer mit den Ratten aus dem Buch 1984) 415, trat
ein und sagte dann in Richtung eines kleinen, dicken, brillentragenden
weiblichen Wesen, das gekrümmten Rückens hinter einem Schreibtisch sahs, einen
“Guten Morgen” und das ich einen Termin um halb Neun hätte. das Wesen hinter dem Schreibtisch starrte weiter gebannt auf dem Monitor, drehte sich dann aber nach
gefühlten 5 Minuten mit seinen Glubschaugen zu mir und antwortete “Warten sie
draussen!“.
Ich also wieder raus aus diesem Raum, suchte mir einen Platz (es war
erstaunlich leer, nur 2 weitere arme Sünder harten gleich mir auf ihr
Todesurteil), und starrte gottergeben auf die schwefelgelbe kahle Wand vor mir.
Nach einer Viertelstunde öffnete sich die Tür wieder, das bebrillte Wesen
röchelte meinen Namen und verschwand wieder hinter seinem Schreibtisch. Ich
folgte, setzte mich brav auf den freien Stuhl, sagte nochmals “Guten Morgen“,
was von dem Wesen, das wieder gebannt irgendetwas auf dem Monitor verfolgte,
mit einem laut gezischten “Ausweis!” quittiert wurde. Ich gab dem Wesen meinen
Ausweis, während ich mittlerweile sehr beunruhigt einige Veränderungen in dem
Zimmer zur Kenntnis nahm. Das Raum hatte sich verändert! Eher Höhlenartig und
dunkler war er geworden, und hinter dem Schreibtisch sahs jetzt nicht mehr das
bebrillte weibliche Wesen, sondern ein schleimiges, Glatthäutiges Etwas mit
Froschhänden, das, während es weiter in den Monitor glubschte, leise vor sich
hin zischte “Meeeein Schaatzz”.
Es sah mich an. Ich gab also mein Anliegen, wegen dessen ich gekommen war, an
(Selbiges tut hier nichts zur Sache – als ALG II Empfänger wichtig, wenn nicht
lebenswichtig), während das Gollum-Artige Wesen, als das ich es jetzt ansah, anfing, mit seinen ekeligen Froschhänden die Tastatur der Datenverarbeitungsmaschine zu malträtieren. Es folgte ein geflüsterter Telefonanruf – wurden jetzt die Schergen geordert, die mich in den Keller zum Verhör schleifen sollten? oder benachrichtigte das Gullumwesen den Hauptmann der Orks, “Kocht ihn langsam, bis er gar ist, ich habe Hunger“? – gefolgt von den Worten “Warten sie draussen!“. Erleichtert ging ich nach draussen, nicht ohne mir vorzustellen, wie dieses Wesen bereits in Vorfreude auf die neue Mahlzeit seine Lippen leckte.
Nachdem ich eine Viertelstunde wieder in diesem schwefeligen, endlosen Flur gewartet hatte (oh ja, der Vorhof zur Hölle hat sich verändert! nicht mehr kleine
Teufel, die einen mit spitzen gabeln traktieren und ins Feuer stossen, kahle,
endlose Flure mit verschlossenen Türen und dahinter vor sich hinmümmelnden
beamten – das ist die neue Hölle!), schlurfte etwas zur Tür, öffnete diese und
zischte ein “kommen sie” in meine Richtung. Ich kam. Der Monitor hatte sich
mittlerweile in das glutrote Auge von Mordor verwandelt, suchte den Raum nach
neuen zu versklavenden Opfern ab, während das Gollum immer wieder leise zischte
“Mein Schaatzzzz”. Oder vielleicht litt auch meine Wahrnehmung und der Monitor
war zu dem roten Auge von HAL 9000 geworden, während eine angenehme Stimme sprach: “Guten Morgen, Dave. Leider kannst du nicht weiterleben. Ich muss
dich jetzt abschalten.“
Die Datenmaschinerie ratterte, spie einen Wust an Papieren aus,
die mir das Gollum mit einem dahin geflüsterten “unterschreiben!” auf den Tisch
legte. Was auch immer es war, vielleicht der Überstellungsbefehl in den
nächsten Gulag – gleich würden die KGB-Schergen kommen und mich in den nächsten Viehtransporter werfen oder gleich auf den Hinterhof… und ein Kopfschuss – ich unterschrieb. Nur raus hier, bevor das Gollum, dem die nackte Hungrige Gier in den Augen stand, mich zu seiner nächsten Mahlzeit machen würde!
Mit einem verächtlichen zähnefletschen warf mir das schleimige Monster dann
meinen Ausweis wieder zu und flüsterte “Sie können gehen“. Ich sah dem Gollum
noch einmal in die Glubschaugen, sagte “Einen Schönen Tag wünsche ich noch” und ging, die Tür hinter mir schliessend, aus dem Zimmer. Hatte ich tatsächlich
noch gesehen, wie sich das Wesen bei meinen freundlichen Worten zusammenkrümmte,
die Hände zu Fäusten ballte und leise immer wieder die Worte “Mein Schatz” vor
sich hin sabberte? Egal! Nur raus aus diesem dunklen Turm der Macht!
Draussen auf der Strasse, statt des modrigen Gestanks von Mordor wieder die
angenehm verpestete Stadtluft geniessend, hatte ich das Gefühl, aus einem
Albtraum aufgewacht zu sein, und fuhr dann, wieder halbwegs beruhigt, meiner
Wege.