Kapitalismus für Dummies

29 07 2008

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Oder auch: Neoliberale erklären uns die Welt, wie sie uns gefällt. Klar, das die Lebensmittelpreise steigen ist nicht schön, hin und wieder regt sich inzwischen sogar leiser Unmut darüber, der allerdings, wenn er hier von der Presse wahrgenommen wird, meist ganz weit weg stattfindet. Haiti, Indonesien oder sonst-wo auf diesem Planeten. Um einem normalsterblichen Bürger dieses Landes trotzdem nicht den Allein-Seligmachenden Kapitalismus Neoliberaler Prägung zu vergällen, muss man sich schon ganz schön anstrengen – in diesen Zeiten. Aber der ZEIT ist es schon fast perfekt gelungen.

Was braucht man also, damit man auch weiterhin ganz fest an die Segnungen der freien Märkte glaubt? Zuerst einmal ein Huhn – natürlich keins dieser Massentierhaltungs-geschädigten Wesen, die man nur nach dem Studium eines Anatomie Buches noch erkennt, sondern:

Diese Hühner führen ein idyllisches Leben. Im Winter bietet ihnen ein solides Steinhaus Schutz vor den Elementen, sie tun sich an einer Mischung aus Weizen und Mais mit Zugaben von Gerste und Hafer gütlich. Den Rest des Jahres fressen sie vor allem frisches Gras und halten unter lauschigen Bäumen Mittagsruhe.

Ja klar, das erinnert an wen? An Astrid Lindgren, an Bullabü, Pippi Langstrumpf, oder an irgendwelche Geschichten aus dem vorletzten Jahrhundert… da, wo die Welt noch in Ordnung war. Dazu kommt dann der Bauer. Da passt natürlich nicht der Grossbauer deutscher Prägung, es muss schon ein urwüchsiger Schotte sein:

Der Eggman ist ein sentimentaler Geselle. Er ruft seine treuesten Hennen beim Namen, »Hausfrau« und »Hennie« heißen sie. Wenn die Hühner keine Eier mehr legen, dreht er ihnen nicht den Hals um, sondern gönnt ihnen einen friedlichen Lebensabend in einem Austragshäuschen. Intensivhaltung liegt ihm fern.

Klar, der passt natürlich auch besser zu den idyllischen Hühnern weiter oben, und Bauern sind ja bekanntlich – besonders wenn sie aus Schottland, der »letzten Wildnis Europas« stammen – schon immer sehr sentimental gewesen!

Vorsorglich, damit es auch der dümmste Zeit-Leser dann noch begreift, wird noch darauf hingewiesen, das sich diese Ländlichen Idyllischen Szenen Selbstverständlich ebenso überall woanders in Europa abspielen könnten, und es natürlich nicht nur um freilaufende Hühner geht:

Die Eier, von denen hier die Rede ist, könnten von überall her stammen, aus Lüneburg oder dem Mühlviertel, aus Sędziejowice oder Châtillon-sur-Seine. Diese Geschichte könnte sich genauso gut um Milch, Käse oder Fleisch drehen, um andere Lebensmittel, deren Erzeugung Getreide als Tierfutter erfordert. Der Zufall will es, dass sie von Eiern handelt, die schottische Hühner in einer Gegend legen, die oft als die »letzte Wildnis Europas« unseres zivilisationsgesättigten Kontinents beschrieben wird.

Sicher, der berühmte Zufall, der bei Journalisten, die eine solche Story schreiben sollen, ja immer eine wahnsinnig grosse Rolle spielt.

Der Autor verlässt nun diese so schöne Ländliche Idylle, begibt sich nach Inverness, wo „auch wenn der Wind schwarzgraue Wolkenfetzen über den Himmel zerrt,“ er sich von einem Typisch Schottischen Lagerarbeiter und seinem Chef „der für den Getreideeinkauf zuständige 37-jährige Direktor der Firma. Bain, beleibt und fröhlich“ die in letzter Zeit so arg gestiegen Preise für Futtermittel erklären lässt. Der hat dann auch gleich, nach allerhand Geschwafel über Australien, die Inder und Protektionismus, die Erklärung, die nun wirklich jedem einleuchtet:

Den Hauptgrund für den dramatischen Preisanstieg entdeckt er freilich im europäischen Widerstand gegen genetisch modifizierte Feldfrüchte.

Das ist in der Tat ja einfach. BUND, Linke, Grüne, Greenpeace, Umweltschützer. NATÜRLICH sind die schuld! Wer auch sonst? Schön, wenn man so etwas dann endlich von dem beleibten, aber fröhlichen Bain erklärt bekommt. Einem beleibten, aber fröhlichen Menschen glauben wir doch alles, oder?

Der nächste Stop – oder auch der nächste Akt zur Erklärung, warum die Preise so steigen, ist dann ein Getreidebauer:

Ein Rapsfeld rechts der Straße steht in voller dottergelber Blüte, auf einem Acker links der Straße sprießen üppig wadentiefe dunkelgrüne Blätter. Die Felder ziehen sich über 220 Hektar hin, sie sind zu drei Fünfteln mit Futterweizen und zu je einem Fünftel mit Gerste und Raps bepflanzt. Schön gewachsene, hohe Bäume stehen auf den Feldrainen. Am Nordende begrenzt ein Flussufer die Farm, im Westen das Meer.

Immer noch Bullabü, der Farmer, der eher einem „Filmschauspieler als an einen Landmann“ ähnelt, lässt ja schon fast darauf schliessen. „Oft sitzt er bis spät in die Nacht auf seinem Traktor. Nur während der Ernte stellt er zwei Hilfskräfte ein.„. Da möchte man doch selber gerne Landmann werden.

Für alle, die den Artikel in der Zeit bis hierhin gelesen haben, muss eigentlich klar sein, dass das bis jetzt alles doch sehr Idyllisch ist – trotz der hohen Preise. Aber dann kommt der Dämpfer. Es gibt das Böse, auch in der beschaulichen Welt der Landmänner:

Er sieht den Hauptgrund in der Preistreiberei der Produzenten, das meinte er mit der Verwilderung der Geschäftspraktiken. Auf dem Düngemittelmarkt habe ein beispielloser Konzentrationsprozess stattgefunden. BASF und Yara, eine Tochter des norwegischen Konzerns NorskHydro, beherrschten den Markt, in Großbritannien halte Yara fast eine Monopolstellung. Wenn man Dünger bestelle, bekomme man eine Lieferung zugesagt – aber keinen Preis. Wer ein Wort gegen diesen Räuberkapitalismus äußere, werde plattgemacht. Bain könne es sich gar nicht leisten, die Dinge beim Namen zu nennen, sonst werde seine Firma aus der Kundenliste gestrichen.

Das hätte ich jetzt nicht vermutet. Also ist irgendwas doch nicht so ganz in Ordnung? Die ZEIT geht dann mit einem kleinen, weiteren Schwenker über Indien nach Chicago zu einer Weizenbörse. Dort treffen wir einen Spekulanten Terminkontrakthändler. Ist er jetzt das Böse? Der Feind?

Er wurde zum Ehrenmitglied der Börse ernannt, was bedeutet, dass er seine Mitgliedschaft verkaufen kann, ohne seinen Status als Mitglied zu verlieren. Er erwarb seine Mitgliedschaft 1974 für 72000 Dollar. Vor einem Jahr hätte er sie für sieben Millionen Dollar verkaufen können, jetzt sei sie nur noch vier bis fünf Millionen Dollar wert, sagt er. »Das ist wie mit allem, die Preise steigen, die Preise fallen.«

Na ja, wohl doch auch eher einer der üblichen Verlierer – man könnte ja fast Mitleid mit ihm bekommen. Eine Kollegin des Spekulanten wird dann von der Zeit gefragt:

Spekulation? Ist das nicht ein ziemlich fragwürdiges Geschäft?

Sie atmet tief durch. »Der Markt«, erklärt sie dann säuerlich, »braucht Spekulanten. Die versorgen ihn mit Liquidität. Jeder, der in den Markt investiert, ist ein Spekulant. Ohne Spekulanten würde er nicht funktionieren. Die Liquidität garantiert Händlern und Farmern überschaubare und stabile Preise.«

Tja, da kann unserem Landmann aus der Schottischen Wildnis dann nur noch der Kopf schwirren und uns auch.

Dann geht es noch mal weiter zu einem US-Amerikanischen Bauern

Becker, ein zupackender Charakter in Bluejeans und kurzärmeligem kariertem Hemd, 36 Jahre alt, lacht gerne und ist stolz auf das, was er geschaffen hat. Seine Vorfahren waren vor 200 Jahren aus Ostfriesland in die USA eingewandert, er übernahm vor 14 Jahren von seinem Großvater dessen 100 Hektar großen Hof. Jetzt beackert er 1200 Hektar – zwölf Quadratkilometer.

der Mais anbaut, unter anderem für Biotreibstoff. Und auch der weis ganz genau, wer schuld ist, denn er darf seinen Mais nicht nach Europa verkaufen:

Warum nicht nach Europa? »Wegen der Einfuhrsperre für gentechnisch modifizierte Sorten.«

Wer daran schuld ist, das hatte ich ja weiter oben schon mal erklärt.

Und was lernen wir jetzt aus dem Artikel in der ZEIT? Es sind alles unheimlich nette, manchmal beleibte, aber fröhliche, manchmal auch etwas säuerliche Menschen, die den Kapitalismus so liebenswert machen und die uns dann den glauben zurück geben an eine wunderbare Zukunft, in der der Markt schon alles regeln wird… und natürlich, das Spinner, die z.B. gegen genmanipulierte Lebensmittel sind, ganz, ganz doll Böse sind!

Amen.

Alle Zitate aus der ZEIT: Die Welt im Ei, gefunden unter anderem bei Fefe.

(Bild: DryIcons und die schöne, heile Welt zur Beruhigung.)


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Eine Antwort

29 07 2008
Die Unschuld des Kapitals und das Bienensterben. « Moppelkotze::Blog

[...] der ZEIT-Artikel, auf den ich hier ja schon eingegangen bin,dann doch ein bisschen zu sentimental vorkommt, der kann ja mal lesen, was [...]

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