Kiel ist keine schöne Stadt. Das ist zumindest der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man mit dem Zug ankommt. Der Bahnhof, ein typischer Sackbahnhof, wie er in anderen Orten auch steht, ist zumindest von der Fassade her teilweise Ursprünglich – erstaunlich eigentlich, das, wenn man sich danach in Kiel umschaut, der Bahnhof nicht einem Schuhkarton nachempfunden und erbrochen wurde wie z.B. der Altonaer Bahnhof. Wenn man dann durch die Innenstadt läuft, bekommt man von erbrochenen Betonklötzen allerdings mehr als genug geboten. Ein grauenhaftes Betongebilde reiht sich an das andere, und auf die Idee, einfach diese ganzen Betonburgen mit Einkaufspassagen zu durchlöchern, sind die Kieler dann auch gekommen. Wahnsinnig Originell und – beliebig.
Wenn man dann durch die Fussgängerzone weiter läuft (bzw. geht bzw. in meinem fall schlendert), dann wird es so langsam doch etwas interessanter. Zumindest gibt es den einen oder anderen Altbau, der es irgendwie geschafft hat, der Bau- und Betonwut diverser durchgeknallter Architekten zu entgehen und einem eine leise Ahnung davon geben kann, wie Kiel vielleicht einmal ausgesehen haben mag – vor dem Krieg oder so.
Der Innenstadtbereich an der Förde mit der Schwedenfähre ist eine einzige Enttäuschung – abgesehen vielleicht von den Leuten, die auf Verbotsschilder stehen. Davon gibt es entlang der Förde eine Unmenge. Hochsicherheitsbereiche direkt an einer Fähre – eigentlich würde ich so etwas ja eher bei einem Flugzeugträger erwarten, aber in den Zeiten, in denen wir leben und in denen jeder, der nicht Polizist oder Soldat ist, anscheinend ein Potenzieller Terrorist ist, gilt halt auch hier jede menge Panikmache. Ach ja, angeln verboten, Betreten Verboten, usw., ein Fest für jeden Verbotsschilderfetischisten.
(Ich stelle gerade fest, das die Rechtschreibprüfung dieses Rechners das Wort Verbotsschilderfetischisten nicht beanstandet – sind schon merkwürdige Leute, diese Rechtschreibprüfungsprogrammierer
)
Wenn man dann weitergeht – in meinem Fall auf dem weg zu meinem Zimmer – kommt an über die Bergstrasse, die nicht zu unrecht so heißt, sie geht nämlich einen Berg hoch. Vorher kommt man allerdings noch an einem Tümpel direkt gegenüber der Schwedenfähre vorbei, wo sich bei schönem Wetter anscheinend diverses Volk zum klönen und Kaffeetrinken trifft. Apropos Kaffee… es gibt eine Unmenge Cafés in der Stadt. Zur (geringen) Beruhigung aller Balzac-Hasser, nein, es ist nicht Balzac, auch nicht Starbucks oder so, wie in Hamburg, der örtliche Kaffeeröster heißt diesmal Campus. Der hat es aber anscheinend geschafft, sich an jeder Straßenecke der Stadt niederzulassen. Vorbei dann am Lorenzendamm mit noch 2 Tümpeln (ich vermute einfach mal, das sind Reste einer Stadtbefestigung, einer Wallanlage oder ähnlichem, aber da kann ich mich natürlich auch täuschen) kommt man dann zur Bergstraße, mit dem Tucholski und anderen Etablissements wie dem Hinterhof (ich vermute einfach mal, das das ding noch so heißt, ich war mal vor Jahren da, aber bisher hab ich es noch nicht geschafft, hinzugehen), die aber einen irgendwie ziemlich desolaten Eindruck machen – angeblich soll es da wohl gebrannt haben.
Dann kommt der Dreiecksplatz und die Holtenauer Straße, da ganz am ende habe ich mein Zimmer. Die Holtenauer beginnt als eine Art Flanierstraße mit Arkaden, wird dann zu etwas mit einem Hauch von Studentenviertel und wird dann zu einer ganz normalen Straße. Übrigens gibt es auch hier den einen oder anderen Altbau, also nicht ganz Kiel besteht nur aus Betonburgen.
Übrigens habe ich neulich das so-genannte Kieler Schloss entdeckt – falls es denn tatsächlich das Schloss war – man könnte es ob seiner gewaltigen Größe doch recht leicht übersehen. Vielleicht könnte man es aber auch nicht übersehen, wäre nicht einer der oben schon erwähnten größenwahnsinnigen Architekten mit jenem Schlösschen in einen wie auch immer gearteten “Dialog” getreten (so heißt es doch bei Architekten immer), das Ergebnis ist, wie soll ich sagen… ich würde es einmal ganz vorsichtig als eine Vergewaltigung alter Bausubstanz bezeichnen.
Apropos Vergewaltigung – diese Stadt wird auch noch auf andere weise Verunstaltet – durch das Militär, in diesem fall die Marine. Irgendwie könnte man fast vermuten, wir befinden uns im Krieg, an dem die Marine und irgendwelche Hubschrauberverbände beteiligt sind (naja, gut, bevor jemand etwas sagt, wir befinden uns im Krieg – anscheinend in mehr, als einem lieb sein kann). Es macht fast den Eindruck, als wäre kiel einfach nur eine große Garnisonsstadt mit ein paar angeschlossenen Wohnvierteln. Das Militär ist hier fast überall und noch nie habe ich so viele Wagen der Bundeswehr in einer Stadt herumfahren sehen wie hier.
Vielleicht hätte man ja bei der Gründung des Landes Schleswig-Holstein die Landeshauptstadt nicht unbedingt mitten in eine Marinestützpunkt setzen sollen. Flensburg ist doch eine sehr viel schönere (und weitaus zivilere) Stadt, oder Schleswig oder so…